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Das Eltern-Kind-Wohnen stellt sich vor

18.01.2017

Das Eltern-Kind-Wohnen der Lebenshilfe Erfurt freut sich in diesem Jahr besonders auf das 17. Benefizkonzert am 23. September 2017. MDR Klassik, Lebenshilfe Erfurt und Theater Erfurt bündeln erstmalig ihre Kräfte, um dem Eltern-Kind-Wohnen durch diese besondere Veranstaltung Unterstützung zukommen zu lassen.

Frau Beetz (Vorstandsmitglied und verantwortlich für das Eltern-Kind-Wohnen) und Frau Rennert-Gottschall (Einrichtungsleiterin) beantworten in diesem Interview alle wichtigen Fragen zum Eltern-Kind-Wohnen.  

Was ist das Eltern-Kind-Wohnen?

Das Eltern-Kind-Wohnen ist ein Angebot der Lebenshilfe Erfurt, das vor über 10 Jahren in der heutigen Form gegründet wurde. Es entstand aus einem konkreten Bedarf und aus der Überzeugung, dass Kinder von Eltern mit (geistiger) Behinderung ein Recht auf eine Perspektive in Ihrer Herkunftsfamilie haben. Das bedeutet oft, dass Menschen mit Behinderung Unterstützung benötigen, um ihr Recht auf gelebte Elternschaft und ein selbstbestimmtes und selbstständiges Familienleben umzusetzen. Genau das leistet das Eltern-Kind-Wohnen.

Unter dem Leitsatz „Eltern sein – eigentlich ganz normal!?“ werden individuelle Unterstützung und Begleitung in einer Wohngruppe mit intensiver Rund-um-die-Uhr Assistenz und auch in ambulanter (Nach-) Betreuung im eigenen Wohnraum im Stadtgebiet von Erfurt angeboten.

Bedarfsgerechte Unterstützung bei der Versorgung und Erziehung der Kinder und die Entwicklung und Stärkung der Erziehungsfähigkeit der Eltern gehören zu den zentralen Aufgaben des Eltern-Kind-Wohnens. Aber alle jungen Familien freuen sich auch über Unterstützung in der Haushaltsführung.

Warum ist dieses Angebot nötig und wichtig?

Für Eltern mit Behinderung ist es auch heute noch, trotz UN-Behindertenrechtskonvention und Teilhaberecht, nicht so einfach ihre Rechte einzufordern und die passende Unterstützung zu finden. Klassische Jugendhilfeanbieter haben oft nur wenig Erfahrung mit unserer Zielgruppe. Außerdem ist es aus unserer Sicht sinnvoll, die behinderungsbedingten Unterstützungsbedarfe der Eltern und die Hilfen zur Erziehung aus einer Hand anzubieten, um so die Anzahl der involvierten Bezugspersonen gering zu halten.

Wenn passende Angebote fehlen, werden Kinder relativ schnell von ihren Familien getrennt und müssen in Pflegefamilien oder Einrichtungen aufwachsen. Angebote wie unser Eltern-Kind-Wohnen gibt es leider immer noch viel zu wenige.

An wen richtet sich das Eltern-Kind-Wohnen? Wie viele Plätze stehen zur Verfügung?

Unsere Zielgruppe sind generell (werdende) Erfurter Eltern mit vorrangig geistiger Behinderung. Die Wohngruppe, in der die Familien vor allem zu Beginn eine Rundumunterstützung erhalten können, bietet Platz für 4 Elternpaare oder -teile und deren Kinder. Dabei steht jeweils Eltern und Kind ein eigener Raum zur Verfügung. Wenn Mütter allein mit dem Kind bei uns wohnen, versuchen wir regelmäßige Kontakte zu den Vätern zu ermöglichen und sie miteinzubeziehen.

Im ambulanten Bereich können wir schnell und flexibel auf unsere KlientInnen reagieren und sind manchmal auch mehrmals am Tag im Einsatz – je nach individueller Hilfeplanung.

Schwangerschaften und Geburten lassen sich dagegen nicht so einfach terminieren, so dass Anfragen für die Wohngruppe nicht aufgeschoben werden können. Dann versuchen unsere MitarbeiterInnen Ihr Bestmögliches, um dem Bedarf gerecht zu werden. Dabei kann auch eine intensive Betreuung in den eigenen vier Wänden erfolgen. Bei längerem Leerstand haben wir auch schon KlientInnen aus anderen Regionen und Bundesländern in unser Programm aufgenommen.

Wie finanziert sich das Eltern-Kind-Wohnen?

Wir verknüpfen in diesem Angebot zwei Leistungen. Die behinderungsbedingten Bedarfe der Eltern werden durch die Eingliederungshilfe nach SGB XII bzw. künftig über das Bundesteilhabegesetz abgedeckt. Ergänzend kommen je nach Betreuungsform stationäre oder flexible ambulante Hilfen zur Erziehung dazu. Diese werden im Integrierten Teilhabe- bzw. im Hilfeplan regelmäßig vereinbart und koordiniert. Kostenträger sind hier zum einen die zuständigen Sozialämter und für den zweiten Teil die Jugendämter. So entsteht für jede Familie ein individuelles Leistungsbudget, welches fortlaufend geplant und flexibel angepasst wird.

Wenn man so kurzfristig reagieren und wie oben gesagt, so schlecht vorausplanen kann, aber gleichzeitig eine 24-Stunden-Betreuung unabhängig von der Auslastung gewährleisten muss, ist das mit großen ökonomischen Herausforderungen verbunden.

Wie gestaltet sich der Alltag im Eltern-Kind-Wohnen? Wie unterstützen Sie Ihre KlientInnen?

Wie schon erwähnt, orientieren sich die Leistungen immer am Bedarf der Familien und betreffen die gesamte Lebenswelt. In individuellen Plänen und Vereinbarungen werden gemeinsam mit den betreffenden Personen und weiteren Netzwerkpartnern wie Angehörigen, Ärzten/ Hebammen, Behörden oder gesetzlichen VertreterInnen Ziele vereinbart, an denen gearbeitet werden soll.

In der Wohngruppe ist der Alltag vor allem durch den Tagesrhythmus der Kinder bestimmt. Die Eltern sollen zwar alles selbst übernehmen, anfangs sind die MitarbeiterInnen aber bei allen Tätigkeiten in der Nähe direkt dabei. Zunehmend ziehen sie sich dann zurück, sind jedoch weiterhin rund-um-die-Uhr Ansprechpartner für alle Fragen:

Worauf muss ich beim Füttern und Wickeln achten? Was koche ich und was muss ich dafür einkaufen? Reicht mein Geld bis zum Monatsende? Ist meine Wohnung kindersicher? Was mache ich, wenn mein Kind krank ist oder ich selbst erschöpft bin? Wie soll mein Leben mit Kind aussehen?

Die heutige Zeit hält eine verwirrende Vielfalt an pädagogischen Konzepten und Ratschlägen bereit. Das Wohl des Kindes und eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung stehen aber immer an erster Stelle! Dennoch geben wir den Familien Raum, um ihren individuellen Erziehungsstil zu finden und in die eigene Elternrolle zu wachsen.

Welche Höhen und Tiefen erleben Sie in Ihrem beruflichen Alltag?

Das Team setzt sich aus unterschiedlichen, pädagogischen Professionen zusammen und ist sehr erfahren. Die Aufgaben sind so vielfältig und bunt, wie das Leben mit Kindern und die Belange von Eltern es eben sind.

Aber natürlich gibt es in diesem Arbeitsfeld sehr unterschiedliche Eindrücke. Ganz sicher hat die Arbeit mit den Familien an sich und das, was man mit dem eigenen Tun erreichen kann viele positive Aspekte. Die Entwicklungen über eine lange Zeit zu begleiten schafft Verbindungen. Aber eigentliche Aufgabe der MitarbeiterInnen ist es ja, sich zunehmend überflüssig zu machen – im besten Fall, wenn die Familie mit wenig oder keiner Unterstützung selbstbestimmt und selbstständig leben kann.

Aber es gibt natürlich auch unvermeidbare Trennungen von Eltern und Kindern. Wir versuchen das nicht als Scheitern, sondern als eine Alternative zu sehen. Die Eltern bleiben ja weiter Eltern, auch wenn ihre Kinder woanders leben. Aber ihre Rolle verändert sich und diese neu zu finden und zu leben, Kontakt zu halten – auch dabei unterstützt das Team die Familien.

Ein Betreuungsangebot des Eltern-Kind-Wohnens ist in seiner Art sehr außergewöhnlich. Wie wurde dieses Angebot der Lebenshilfe angenommen? Gibt es auch Gegenstimmen?

Nach intensiven Gesprächen und viel Überzeugungsarbeit ist es vor über 10 Jahren gelungen dieses Angebot gemeinsam mit unserem Erfurter Sozial- und Jugendamt auf den Weg zu bringen. Mit beiden haben wir gute Partner und wissen das auch zu schätzen. In anderen Landkreisen ist das nicht selbstverständlich. Aber natürlich bleibt das Thema Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit im Großen, wie in ganz persönlichen Gesprächen mit Einzelnen, ein bedeutender Anteil der täglichen Arbeit. Vorurteile und Unwissen begegnen uns überall und auf allen Ebenen.

Sei es die Frage, ob Eltern mit geistiger Behinderung überhaupt gute Eltern sein können oder die Ansicht, dass Unterstützung und vor allem deren Finanzierung dann irgendwann ein Ende haben muss. Aber anders als in der klassischen Jugendhilfe, bleiben gewisse Bedarfe auf Grund der Behinderung unserer KlientInnen immer bestehen und je nach Entwicklungsphase der Kinder muss neu darauf reagiert werden.

Künftig wollen wir daher an einer weiteren Lösung für eine langfristige Assistenz arbeiten, um auch den Familien gerecht zu werden, die auf eine lange ambulante Unterstützung angewiesen sind. In dem Konzept der begleitenden Elternschaft sollen neue und flexible Wege gefunden werden, um noch mehr Kindern eine Perspektive in der Herkunftsfamilie zu bieten.

Unermüdliche Aufklärung, aktive Netzwerkarbeit, viele Gespräche und nicht zuletzt auch gelingende Beispiele tragen dazu bei, Wissen und Akzeptanz zu erreichen und Partner für die Mitwirkung bei der Umsetzung diese Rechte zu gewinnen.

Die bisherige maximale Betreuungszeit im Eltern-Kind-Wohnen beläuft sich auf gerade mal 2 Jahre. Welche Probleme ergeben sich daraus? Was passiert wenn diese 2 Jahre um sind?

Die Begrenzung der Betreuung auf i.d.R. 2 Jahre bezieht sich nur auf den Verbleib in der Wohngruppe. Hintergrund ist, dass in dieser Zeit eine generelle Perspektivklärung stattfinden soll. Also die Frage beantwortet werden muss, ob Eltern und Kind grundsätzlich z.B. mit ambulanter Unterstützung gemeinsam leben können und wollen.

Ist dies bejaht, kann die Familie weiterhin durch ambulante Betreuung unterstützt werden. Kann es keine gemeinsame Perspektive geben, wie etwa bei festgestellter Kindeswohlgefährdung, begleiten wir die Familien auch auf diesem Weg.

Schwierig ist die Situation dann, wenn weiter eine intensive Betreuung notwendig und sinnvoll ist. Denn dies ist in der ambulanten Betreuung nur begrenzt möglich, da die langfristige Finanzierung der Kostenträger fehlt. Hier käme das Konzept einer begleitenden Elternschaft zum Tragen.

Das 17. Benefizkonzert des MDR KLASSIK wird zugunsten des Eltern-Kind-Wohnens veranstaltet. Was finanzieren Sie aus dem Erlös?

Viele Familien haben die Ausstattung der Gemeinschaftsräume unserer WG in den letzten Jahren genutzt - da bleiben Spuren nicht aus. Um für ein paar weitere lebhafte Jahre gerüstet zu sein, würden wir gern unsere Küche und ein paar andere Möbel erneuern. Außerdem möchten wir ausgesuchtes Spiel- und Fördermaterial anschaffen um die Kinder noch gezielter unterstützen zu können.

Weitere Informationen unter: Eltern-Kind-Wohnen

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